Unser therapeutisches Konzept
Hintergrund
Bewegungstraining
Elterntraining
Die Therapie von Kindern und Erwachsenen folgt in unserer Praxis einem entwicklungsorientierten Gesamtkonzept. Ziel unseres therapeutischen Vorgehens ist es, auf mittel- und langfristiger Perspektive nachhaltige Veränderungen im Sinne der Strukturbildung zu bewirken.
Insbesondere bei den Störungen ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom) und ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom), aber auch bei Lernstörungen setzen wir einen multimodalen Ansatz um. Hierbei werden Bereiche des Gehirns aktiviert und trainiert, welche bei den Symptomen der Impulssteuerung, der ausgeprägten inneren und motorischen Unruhe sowie der Schwierigkeit sich zu konzentrieren und zu organisieren einen stark korrigierenden Einfluss haben.
Wir setzen hierbei ein ADHS-bezogenes Emotionales Regulationstraining ein.
Anders als bei einer Gesprächs- oder Verhaltenstherapie geht es hier um den Aufbau und das Training spezifischer Übungsfolgen, welche speziell den präfrontalen Cortex und das Striatum aktivieren.
- Funktionales Bewegungstraining („Die Bewegungspille“)
- Achtsamkeitstraining (zur Achtsamkeitsübung)
- Elternberatung
bilden die Grundpfeiler unseres ganzheitlichen Therapiekonzeptes und sind in Ihrer Wirkung nach unserer Erfahrung dem Einsatz von Ritalin und anderen Medikamenten deutlich überlegen.
Aus diesem Grunde sind wir bestrebt, mit unserem Konzept den Einsatz von Ritalin (Methylphenidat) und anderen Psychopharmaka bei Kindern zu umgehen.
Hirngerechte Therapie als gesunde Alternative zu Methylphenidat
Das Gehirn ist hochgradig plastisch, d.h. formbar. Die sogenannte Neuroplastizitätsforschung wartet mittlerweile mit entsprechenden Befunden auf, dass das menschliche Gehirn in jedem Alter formbar ist. Gemäß des Use-it-or-lose-it-Prinzips erfolgt Formung (Neuvernetzung, Neubildung von Hirnzellen und Ausschüttung von Dopamin) über den Gebrauch entsprechender Hirnzentren.
Kinder neigen allerdings dazu, Tätigkeiten, die sie gut können, häufiger auszuführen, als Tätigkeiten, die sie nicht gut beherrschen. Somit verstärken sich die einen Fähigkeiten, während andere dazu neigen zu verkümmern, wenn diese vermieden werden. Diese Tätigkeiten werden dann als unlustvoll erlebt.
In der hirngerechten Therapie werden nun Bereiche trainiert, die bisher ungenutzt geblieben und deren damit verbundene Tätigkeiten als unlustvoll erlebt werden. In der Folge gelingt es den Betroffenen nun leichter, Konzentration und Impulskontrolle auszuführen, da dieser Bereich entsprechend trainierter ist. Das Training erleben die Betroffenen als hochstimulierend, da natürliche und lustvolle Tätigkeiten (dreidimensionale Bewegungserfahrungen) ausgeführt werden, jedoch auf eine Art, die bisher nicht genutzte Fähigkeiten aktiviert.
Wesentlich bei der Therapie mit ADHS und ADS ist die Aktivierung des „Vorderhirns“ (präfrontaler Cortex), welches bei der Selbststeuerung und Selbstkontrolle in exponentieller Weise beteiligt ist.
Um beispielsweise in Schule und Beruf gute Leistungen abzurufen, ist Konzentration und das kurzfristige Hemmen spontaner Triebimpulse notwendig. Das kurzfristige Hemmen von spontanen Handlungen zugunsten einer aktuellen Tätigkeit, die nun nötig ist, muss nun das Vorderhirn die Kontrolle auf das limbische System (Hemmungs- und Steuerungsfunktion) ausüben.
Die Konzentrationsleistung, die Strukturierung von Informationen, Handlungsplanung gehören zu den sogenannten Ich-Funktionen und werden essentiell vom Vorderhirn gesteuert. Fehlt in diesem Bereich jedoch Dopamin, der „Treibstoff“ der Gehirnzellen, bleibt die Aktivierung des Vorderhirn zu gering und Selbstkontrolle fällt deutlich schwerer.
Durch ein entsprechendes Training kann jedoch Aktivierung in diesem Kontrollzentrum aufgebaut werden. Dies funktioniert über koordinativ anspruchsvolle Bewegung deutlich schneller, als über ein Konzentrationstraining ohne Bewegung. Die Begründung liegt darin, dass dieser Hirnbereich an der Raumorientierung und der Feinmotorik ebenfalls beteiligt ist. Urzeitlich bedingt räumt der Organismus der Bewegung etwas mehr Priorität ein, als dem Denkprozess ohne Bewegung. Es kommt daher durch die Kombination von Bewegung und Denken deutlich schneller zum Aufbau von Hirnzellen und Neuvernetzung als ohne Bewegung.
Die funktionale Bewegung baut auf der neurologischen Ebene Aktivität und Struktur auf. Erst im Anschluss daran können sich Betroffene überhaupt erst soweit beherrschen und sich ruhig halten, um „unlustvolle“ Arbeiten auszuführen. Ab diesem Zeitpunkt können dann Achtsamkeitsübungen effektiv greifen.
Durch das funktionale Bewegungstraining werden entsprechend nicht nur die durch Methylphenidat angesteuerten Strukturen aktiviert, sondern es sind auch weitere Verbesserungen wie Gedächtnisleistungen, Raumorientierung und Sozialverhalten zu erwarten. Hierbei bleibt jedoch Kreativität, Wachheit, Glücksgefühl und Lebendigkeit vorhanden.
Die 5 Phasen der ADHS-Therapie
Unsere ADHS-Therapie gliedert sich in 5 Phasen, wie auf folgendem Schema dargestellt:
1. Phase: Das Elterngespräch, Aufklärung, Problemklärung
Zu Beginn ADHS-Therapie findet ein Erstgespräch mit Ihnen, den Eltern statt. Ziel dieses Gesprächs ist, dass Sie als Eltern die Problematik des Kindes aus Ihrer Sicht schildern und ein erstes fachliches Verständnis entwickeln können.
Des Weiteren werden Sie als Eltern über die Problematik, Symptomatik und die grundlegenden Ursachen einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung aufgeklärt. Im Zuge dessen erfahren Sie, welche Maßnahmen Sie bereits schon selbst ergreifen können, um die Entwicklung Ihres Kindes bestmöglich zu fördern.
Diagnostik: Lernfähigkeit, Symptomatik und Bewegungsanalyse
In der zweiten Einheit testen wir, ob Ihr Kind die allgemeinen Diagnosekriterien einer ADS oder ADHS erfüllt. Zudem werden Konzentrations- und Gedächtnis-Leistungstests durchgeführt. Wichtige Module sind zusätzlich die EEG-Analyse, Bewegungsanalyse und die Verhaltensanalyse.
2. Phase: Beginn des Funktionalen Bewegungstrainings
In der zweiten Phase findet die Übergabe und der Start des Funktionalen Bewegungstrainings statt. Ihr Kind wird mit speziell geschulten Bewegungstrainern dreidimensionale Bewegungen in einem spezifischen Bewegungsraum durchführen.
Die Bewegungen sind für die Kinder hochstimulativ und gleichzeitig neurofunktional. Das bedeutet, die Bewegungen schaffen neurologische Grundlagen zur Selbststeuerung. Durch den Einbau von Elementen aus dem Parkour-Sport erlernt Ihr Kind zu balancieren, Hindernisse zu überwinden und kreative Geschicklichkeit aufzubauen. Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit und das Erlernen von Selbstkontrolle steht hier im Vordergrund.
3. Phase: Aufbau von neurologischen Voraussetzungen zur Selbststeuerung
Durch komplexe Bewegungseinheiten kommt es nachweislich zur Vernetzung und Neubildung von Neuronen (Nervenzellen) in den Bereichen, die bei der ADS und der ADHS maßgeblich dysfunktional beteiligt sind.
Die Folge ist die Erschaffung von neurologischen Voraussetzungen für eine verbesserte Hirnleistung, Selbstberuhigung, Sozialverhalten, Zunahme an Konzentration und Gedächtnis sowie die Regulation von Gefühlen.
Häufig reichen diese Maßnahmen schon aus, um eine längerfristige Veränderung bei Ihrem Kind zu bewirken. Hierbei werden ähnliche Effekte wie durch die Gabe mit Ritalin erreicht, allerdings anhaltend und ohne Nebenwirkungen.
4. Phase: Achtsamkeitstraining und Coaching der Eltern
Um die Voraussetzungen optimal nutzen und ausbauen zu können, werden nun im Anschluss an die Bewegungseinheiten erste Übungen der Konzentration und Achtsamkeit begonnen. Ihr Kind lernt nun seine Fähigkeiten auf Basis des vorausgegangenen Trainings auszubauen und noch konkreter nutzbar zu machen.
In mehreren Schritten lernen Betroffene nun, die Aufmerksamkeit nicht nur auf innere Prozesse zu lenken, sondern auch über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Über das Training von Konzentration und Meditation ist es dann möglich, längerfristig in die Ruhe und damit Selbstkontrolle zurückzukehren.
Parallel findet ein psychologisches Coaching der Eltern statt, damit Erziehungsstil und Training zu Hause aufeinander abgestimmt werden können.
5. Phase: Übertragung der Erfolge in das heimatliche Umfeld
Gemeinsam mit den Bewegungstrainern werden die Trainingsprozesse in das heimatliche Umfeld übertragen. Hierfür nehmen die Eltern am Bewegungstraining teil und werden aktiv mit eingebunden. Dann besuchen die Trainer die Familie zu Hause.
Im heimatlichen Umfeld suchen die Trainer einerseits geeignete Bewegungsstätten (Spielplätze, Freizeiteinrichtungen, zu Hause) und trainieren Sie und Ihr Kind darin, auch bei Ihnen zu Hause die Übungen mit Ihrem Kind fortsetzen zu können.
Neurologischer Hintergrund bei der Therapie von ADHS u. ADS
Ausgehend von der wissenschaftlichen Befundlage kommt es bei der ADHS aber auch bei der ADS in geringerem Umfang, zu einer verminderten Aktivität der stratiofrontalen Strukturen. Präfrontaler Cortex wie auch Striatum sind essentiell für die Steuerung und der Modulation von Handlungen zuständig. Planung, Ordnung, Periodisierung und Ausführung von gezielter Handlung unter Abgrenzung von Außenreizen. Hierzu ist die Hemmung von Spontanimpulsen aus dem limbischen System notwendig, welche im Besonderen durch den präfrontalen Cortex ausgeführt wird.
Ein wichtiger Botenstoff ist in diesem Zusammenhang das Dopamin, welcher die Kommunikation von Nervenzellen untereinander steuert. Hyperaktive Kinder besitzen in einem Teil des Gehirns (dem sog. Hinterhirn) zu viel Dopamin, wodurch die sehr ausgeprägten Impulse von Neugier, Bewegung und die Suche nach Stimuli begründet sind.
Und in dem Teil des Gehirns der zur Hemmung und Steuerung zuständig ist (Vorderhirn: präfrontaler Cortex und Striatum) liegt eine zu geringe Aktivität (und damit Konzentration von Dopamin) vor. Zur Erläuterung: Dopamin macht das Gehirn schnell, neugierig, impulsiv, glücklich, ausdauernd. Durch die Aufnahme von Zucker, Kokain und anderen Stimulantien kommt es zu einer erhöhten Ausschüttung von Dopamin. Aus Dopamin werden Endorphine (Glückshormone) gebildet.
Bei der ADHS, auch in geringerem Umfang bei der ADS, wurde durch bildgebende Verfahren eine geringere Aktivität im Striatum und auch im präfrontalen Cortex gemessen. Dies bedeutet, dass betroffene Kinder weniger gut in der Lage sind, sich selbst zu steuern, zu reflektieren und zu kontrollieren.
Ursächlich dafür ist eine Erhöhung der Anzahl von Dopamin-Transporter (DAT) in diesen Strukturen. Die erhöhte Dichte an Dopamintransportern (DAT) hat nun die Folge, dass aus den synaptischen Spalt Dopamin abtransportiert wird, sodass in diesen Bereichen entsprechend weniger Signalübertragung stattfindet. In der Folge verringert sich die Aktivität in den entsprechenden Zentren.
Das geringere Vorhandensein des Neurotransmitters Dopamin im synaptischen Spalt in den stratiofrontalen Strukturen wird nun als Dopaminmangelhypothese bezeichnet.
Bei der Dopaminüberschusshypothese wird nun ein Schritt weiter gedacht. Hier geht man davon aus, dass ein Zuviel des Botenstoffes Dopamin zu einer Erhöhung der Dopamintransporterdichte (DAT) quasi als kompensatorische Antwort des Gehirns auf einen Dopaminüberschuss zustande kommt. Mit nahezu identischen Konsequenzen.
Wirkung von Ritalin (Methylphenidat)
Der Wirkstoff Methylphenidat entfaltet seine Wirkung in der Blockierung des Dopamintransporter-Systems (DAT). Dadurch kommt es zu einer Erhöhung der Konzentration des Botenstoffes Dopamin im synaptischen Spalt. Methylphenidat (Ritalin) fällt unter das Betäubungsmittelgesetz unter der Gruppe der Amphetamine. Ritalin ist daher eng verwandt mit Kokain und wird als suchtgefährdend eingestuft. Zu Methylphenidat und Sucht gibt es umfangreiche Studien.
Kurzfristig und während der Gabe von Ritalin kommt es damit zu einer Aktivierung des präfrontalen Cortex sowie auch des Striatum. Dies wurde in klinischen Untersuchungen bewiesen.
Die Erhöhung der stratiofrontalen Aktivität hat nun zur unmittelbaren Folge, dass die Hemmungsfunktion des Cortex auf das limbische System aufgebaut wird und die Patienten in der Folge temporär, während der Wirkung des Medikaments (1-4h), bessere Konzentrationsleistungen im Sinne der fokussierten Aufmerksamkeit erbracht werden können und auch weniger Störungsanfälligkeit im Sinne des Auftretens neuer Handlungsimpulse zuungunsten der aktuellen Tätigkeit stattfinden. Lernleistungen, Konzentration und Gedächtnis werden in der Folge der erhöhten stratiofrontalen Aktivität wieder temporär verbessert.
Die Patienten werden als ruhiger, impulsärmer und deutlich kontrollierter wahrgenommen.
Nach ca. 4 Stunden und nach insgesamt Absetzen des Medikamentes kann es allerdings zu einem Reboundeffekt kommen, d.h. die vorausgegangene Impulsivität, Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit treten erneut, anfangs oft verstärkt, auf.
In der Langzeitwirkung von Methylphenidat kann es langfristig, aufgrund der kompensatorischen Bemühungen des Gehirns, zu einer Erhöhung der Dopamintransporter (DAT) kommen. Was langfristig, bei Absetzen des Medikamentes, die Störung verstärken kann.
Unerwünschte Nebeneffekte können Wachstumsstörungen, Tics, Sehstörungen, Schlafstörungen, Bauchschmerzen, Herzrasen, erhöhter Blutdruck, gesteigerte Nervosität, Herzrhythmusstörung u.a. sein.
Langzeituntersuchungen stehen noch aus. Das Gehirn kann nachhaltig in seiner Entwicklung beeinträchtigt werden.
Neuroplastische Wirkung der hirngerechten Therapie
Präfrontaler Cortex und das Striatum sind maßgeblich für Selbstkontrolle, dem Gedächtnis, der Konzentration und vielen anderen geistigen Leistungen verantwortlich. Die Studienlage ergibt eine signifikante Aktivierung und Neuronenzunahme der frontostratialen Strukturen über die Durchführung von komplexen Bewegungstrainings. Befunde einer Erhöhung der Aktivierung und Anzahl von Neuronen liegen außerdem im Bereich des Hippocampus vor, von dem aus das räumliche, sprachliche und situative Gedächtnis gebildet wird.
Durch das funktionale Bewegungstraining werden entsprechend nicht nur die Strukturen aktiviert, die normalerweise durch Ritalin aktiviert werden (Selbstkontrolle und Leistungsverbesserung), sondern es finden auch weitere Verbesserungen wie Raumorientierung, Sozialverhalten und Kreativität statt.
Dies bedeutet: In den Strukturen, die zur Steuerung des Verhaltens und der kognitiven Leistungen zuständig sind, kommt es zu erhöhter Aktivität. Dies bedeutet einen Zugewinn an Selbststeuerung und damit zu anhaltenden therapeutischen Effekten.
